Interviews mit Eric Carle

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Eric Carle, Schöpfer der kleinen Raupe Nimmersatt, erzählt in seinem Atelier über seinen Werdegang und zeigt, wie seine Bilder entstehen. Der Dokumentarfilm „Die Raupe Nimmersatt – Der Bilderbuchkünstler Eric Carle“, dem dieser Filmausschnitt entnommen ist, wurde bereits auf arte und 3sat ausgestrahlt. Die kleine Raupe Nimmersatt feiert 2019 ihren 50. Geburtstag.


Die kleine Raupe Nimmersatt ist das Markenzeichen von Eric Carle, sein größter Erfolg. Viele andere Bilderbücher hat der weltbekannte Autor und Illustrator im Laufe seines Lebens geschaffen. In diesem Video erzählt er von seinem Werdegang wie er als Kind in Deutschland zur Schule ging, später nach Amerika übersiedelte und dort mit der Bilderbuchkunst in Berührung kam.


Interview mit Eric Carle

Über 50 Millionen Bücher wurden weltweit seit 1969 Jahren verkauft – was denken Sie, warum krabbelt Die kleine Raupe Nimmersatt quicklebendig wie eh und je um den Globus?

Wenn man mich nach der Popularität meiner Bücher fragt, sage ich offen, ich weiß nicht, welches der entscheidende Erfolgsfaktor für Die kleine Raupe Nimmersatt ist. Ich nehme an, die meisten Kinder können sich mit der hilflosen, kleinen, unbedeutenden Raupe identifizieren, und sie freuen sich darüber, wenn sich die Raupe in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Ich denke, darin steckt eine Hoffnungsbotschaft: Ich kann auch groß werden. Ich kann meine Flügel (meine Talente) auch ausbreiten und in die Welt fliegen. Das sind Fragen, die Kinder überall auf der Welt beschäftigen: Werde ich einmal groß sein? Werde ich meine Fähigkeiten als Erwachsener einbringen können?

Ihre Bücher wenden sich vor allem an Kinder im Vorschulalter. Warum liegt Ihnen diese Zielgruppe besonders am Herzen?

Ich habe entdeckt, dass es für mich besonders wichtig ist, Bücher für Kinder zu schaffen, die gerade den Übergang von ihrem Zuhause in die Schule bewältigen müssen. Denn das war für mich als Kind ein schwieriger Schritt. Ich sage immer wieder, dass ich mit meinen Büchern versuche, den Kindern diesen Übergang zu erleichtern.

Ihr Gebrauch von Flächen und Farben ist sehr eigenwillig. Wie hat sich dieser unverwechselbare Eric-Carle-Stil entwickelt?

Ich habe die Collagentechnik nicht erfunden. Künstler wie Picasso und Matisse und Leo Lionni und Ezra Jack Keats machten Collagen. Viele Kinder haben zu Hause oder in ihren Klassenzimmern Collagen angefertigt. Immer wieder sagten Kinder zu mir: „Oh, das kann ich auch.“ Ich betrachte das als das größte Kompliment. Ich arbeitete erstmals in dieser Technik, als ich an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart studierte. Einzigartig an meinen Collagen ist vielleicht, dass ich auf dünne, durchscheinende Seidenpapiere mit Acrylfarben male, um meine „Palette“ an Farben und Strukturen herzustellen. Und dann benutze ich diese bemalten Papierbögen, um das Kunstwerk zu schaffen.

Welche Künstler haben Sie beeinflusst?

Zu den vielen Künstlern, die mich beeinflusst haben, gehören Paul Klee (1879–1940) mit seinen farbigen, traumhaften Gemälden und Pieter Brueghel (1525–1569), der bäuerliche Szenen und mitteleuropäische Landschaften malte, die mich an die deutschen Landschaften meiner Kindheit erinnern.

Sind Sie selbst mit Bildern und Geschichten aufgewachsen?

Als Kind hatte ich nicht sehr viele Bücher. Aber ich hatte eine riesengroße Familie, die immer plauderte und Geschichten erzählte. Jetzt weiß ich, dass meine Erzählbegabung daher kommt.

Warum wählen Sie meist Tiere als Protagonisten?

Mein Vater liebte die Natur, und als ich ein kleiner Junge war, nahm er mich oft auf Waldspaziergänge mit. Er hob einen Stein hoch und zeigte mir die kleinen Kreaturen, die darunter lebten. Ich denke, indem ich in meinen Büchern über kleine Geschöpfe schreibe, ehre ich auch ihn. Und in gewisser Weise beschwöre ich diese glückliche Zeit wieder herauf.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch im großen Carle-Werk?

Mein Lieblingsbuch ist Die kleine Maus sucht einen Freund, weil es von Freundschaft handelt.

Was hat sie zu Ihren jüngsten Bilderbüchern inspiriert? Gibt es eine innere Verbindung?

Mein neuestes Buch Eric Carles Quatschparade ist Teil einer Büchergruppe – keine Serie, aber sie haben ein ähnliches Thema und eine ähnliche Intention. Zu dieser Gruppe gehören meine drei letzten Bücher Der Künstler und das blaue Pferd, Freunde und Eric Carles Quatschparade. Diese Bücher sind auf eine bestimmte Art eine Hommage an die expressionistische Kunst und im Fall von Der Künstler und das blaue Pferd und der Quatschparade eine Hommage an bestimmte Künstler, nämlich an Franz Marc und René Magritte. Als mir Herr Krauss, mein Kunstlehrer auf meinem deutschen Gymnasium, heimlich die Reproduktionen von Gemälden expressionistischer und anderer moderner Künstler zeigte, die von den Nazis verurteilt und als „entartete Kunst“ bezeichnet wurden, war das eine Kunst, die ich nie zuvor gesehen hatte. Diese Erfahrung war zunächst ein Schock und verunsicherte mich. Aber letztlich änderte sich dadurch mein Blick auf Kunst, auch wenn ich das damals nicht gleich erkannte. Und das war ein Grund, weshalb ich diese neuen Bücher gestaltete: um meine tiefe Verehrung für das Werk der Künstler auszudrücken, die ich so bewundere und die mich über all die Jahre so sehr beeindruckten.

Was bedeutet das Eric Carle Museum of Picture Book Art für Sie, worauf sind Sie besonders stolz?

Jedes Mal, wenn ich das Museum betrete, beeindruckt und inspiriert mich die imposante Eingangshalle. Es ist ein wundervolles Gebäude, mit vielen schönen Ausstellungen und Veranstaltungen und einem liebenswerten, talentierten Team. Ich bin sehr stolz und glücklich, dass ich gemeinsam mit meiner Frau Bobbie nicht nur für die Raupe Nimmersatt, sondern auch für Bilderbücher und Bilderbuchkünstler aus der ganzen Welt ein Zuhause schaffen konnte. Und dass dies ein Ort für mehrere Generationen ist, um Bilderbuchkunst zu genießen und zu feiern.

Sie haben niemals aufgehört, sich mit fremder und eigener Kunst zu beschäftigen. Woran arbeiten Sie im Moment?

Zurzeit interessiere ich mich sehr für Paul Klees Tagebuch und seine vielen Darstellungen von Engeln. Ich habe eine Serie von 18 Engelbildern gestaltet. Diese Engel ähneln in ihrer Technik weder meinen Bilderbuchcollagen noch Klees Stil. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien, die ich in meinem Atelier hatte, und sind aus Farbe und Pappe, Aluminium und Stoff.


Mit Eric Carle sprach Andrea Deyerling-Baier vom Gerstenberg Verlag.


www.eric-carle.com