Eric Carle - Woher kommen die Ideen?

Woher kommen die Ideen? Das ist  eine Frage, die mir oft gestellt wird. Erst kürzlich fragte mich wieder ein Kind. Im Gegensatz zu den anderen Fragenden bot mir dieser Briefeschreiber jedoch eine Antwort: „Manche Ideen kommen von innen und manche von außen.“ Doch was ist dieses „Innen“ und „Außen“? Eine schwere Frage, deren Antwort keiner Linie folgt, ich springe von Punkt zu Punkt.

Willem de Kooning, der bedeutende Action-Painter, in dessen Werk jeder Kritiker einen tieferen Sinn sucht, sagte Folgendes über seine Arbeit: „Ich beginne einfach mit einem Klecks roter Farbe in der oberen Ecke der Leinwand, und das sieht gut aus. Dann füge ich etwas Grün hinzu, und es sieht weniger gut aus. Also gebe ich einen Klecks blau in die Mitte. Danach sieht es wiederum gut aus.“

Gewähren Sie mir nun das Malen meiner Farbkleckse. Ein Klecks Rot hier, etwas Grün da. Am Ende sollten diese Farbkleckse ineinander fließen und das Bild formen und gestalten. Nur das fertige Bild ist offen für eine Interpretation. Das Malen wurde mir durch die Ezra Jack Keats Foundation ermöglicht. Ich beginne mit Ezra. Ich war viele Jahre als Art Director in der Werbung tätig gewesen, als ich mich dazu entschloss, meinen Job in der Agentur aufzugeben, um als freiberuflicher Grafiker und Illustrator zu arbeiten.

Mit meinem Portfolio unter dem Arm machte ich die Runde zu Werbeagenturen, Fernsehstationen und Verlegern, nachts widmete ich mich dann meiner Bestimmung – dem Malen und Zeichnen. Zu diesem Zeitpunkt entstand Brauner Bär, wen siehst denn du?, und ich begann die Arbeit an 1,2,3 ein Zug zum Zoo, das erste Buch für das ich neben den Illustrationen auch den Text schrieb. Ein Freund von mir stellte mich schließlich dem mit der Caldecott Medal ausgezeichneten Ezra Jack Keats vor. Ich kannte weder den Preis noch Ezra Jack Keats. Daran sieht man, dass ich im Kinder- und Jugendbuchbereich noch immer ein Neuling war. Als wir drei uns schließlich trafen, war ich beeindruckt von Ezras Liebenswürdigkeit und seiner Offenheit.

Die Arbeit an Brauner Bär und an 1,2,3 ein Zug zum Zoo machte mir Spaß und erfüllte mich, ich zweifelte jedoch, ob ich mit dieser Arbeit auch meine monatlichen Rechnungen bezahlen könnte. Ezra beruhigte mich in dieser Hinsicht:

Es sei möglich, seinen Lebensunterhalt mit der Gestaltung von Bilderbüchern zu bestreiten. Er zeigte mir sein Atelier, seine Bücher, seine Fanpost, und er erklärte mir, wie er sein marmoriertes Papier herstellte. Er zeigte mir Verträge, erklärte mir alles über Vorschusszahlungen und Abgaben an den Autor. Wir sprachen jedoch nicht darüber, woher die Ideen stammen. Ezra ist ein leuchtender Farbpunkt auf meiner Leinwand. Und ich bin sicher, dass er sich freuen würde zu sehen, was er und seine Stiftung möglich gemacht haben.

Natürlich gibt es auf meiner Leinwand auch Farben, die nicht so leuchtend sind und die doch dazu gehören. Ich wurde in Syracuse, im Staat New York, als Kind deutscher Einwanderer geboren. Ich erinnere mich an die dortige Vorschule. Es war ein großer, sonniger Raum mit großen Bogen Papier, bunten Farben und dicken Pinseln. Ich erinnere mich daran, wie ich dort als glücklicher kleiner Junge zur Schule ging. Als ich sechs Jahre alt war, kehrten meine Eltern nach Deutschland zurück, wo ich die nächsten siebzehn Jahre verbringen sollte. Auch dieser Schulbeginn ist mir unvergesslich. Ich erinnere mich an einen dunklen Raum mit schmalen Fenstern und an einen gemeinen und grausamen Lehrer, der mich in eine altehrwürdige Tradition einwies: die körperliche Züchtigung mit einem dünnen und harten Bambusstock. Eine Strafe, die ich nie vergaß und die meinen Enthusiasmus für das Lernen die nächsten zehn Jahre dämpfte, so lange, bis ich schließlich an die Kunstakademie ging. Nach dieser schmerzhaften und erniedrigenden Strafe fragte ich meine Eltern: „Wann fahren wir wieder nach Hause?“ Mit Zuhause meinte ich Syracuse. Als ich endlich begriff, dass wir nicht mehr nach Amerika zurückkehren würden, entschloss ich mich, Brückenbauer zu werden. Ich wollte eine Brücke bauen, die von Stuttgart nach Syracuse reichte. Dann wollte ich meine geliebte Großmutter an die Hand nehmen und mit ihr zusammen den großen Ozean überqueren. Ich versuchte, mich davon zu überzeugen, dass ich verzeihen sollte, so dass diese Strafe mich nicht ewig belastete. Aber es funktionierte nicht. Sogar heute noch spüre ich den körperlichen und emotionalen Schock, wie ihn einst der kleine unschuldige Sechsjährige erlebte.

Maler, Musiker und Schriftsteller schaffen vornehmlich für sich selbst. An erster Stelle sind meine Bücher und meine Ideen dazu da, mich zu erfreuen. Könnte es also sein, dass meine lustigen Raupen, Marienkäfer, Hähne und Spinnen entstanden sind, um Farbkleckse, die negative Erinnerungen wecken, zu übertünchen oder sogar zu eliminieren? Versuche ich immer noch, den sonnigen Raum und die dicken Farbpinsel in Syracuse wieder auferstehen zu lassen? Bin ich immer noch auf der Suche nach jener Lehrerin in Syracuse, die meine Mutter bat, in die Schule zu kommen, um ihr zu sagen, dass ihr Sohn nicht nur große Freude am Malen und Zeichnen habe, sondern auch Talent besäße, das ermutigt und gefördert werden sollte? Sowohl meine Lehrerin in Syracuse als auch mein Lehrer in Stuttgart sind Farben auf meiner persönlichen Leinwand. Es scheint, als entsprängen Ideen aus der Notwendigkeit und dem Bedürfnis etwas ins Reine zu bringen, neu zu bewerten und umzuwandeln, um eine Brücke zur Kindheit und zur Unschuld zu bauen.

Jahre später, als Bill Martin Junior mich bat, Brauner Bär, wen siehst denn du? zu illustrieren, kamen mir – als ich diese großen und farbenfrohen Tiere entwarf – meine glücklichen Vorschultage in Syracuse wieder in den Sinn. Dafür gebührt Bill Martin Junior ein großer Farbklecks auf meiner persönlichen Leinwand.

Eines Tages stanzte ich Löcher in ein Papier. Als ich durch sie hindurchblickte, dachte ich an einen Bücherwurm. Aus dem Wurm wurde jedoch noch keine richtige Buchidee. Also verwandelte ich den Bücherwurm in einen grünen Wurm. Als ich diesen hungrigen grünen Wurm meiner Lektorin Ann Beneduce vorstellte, kam heraus, dass sie zwar das Konzept, nicht aber den Wurm mochte. Wir überlegten hin und her und suchten nach anderen Tieren, die geeigneter wären. „Wie wäre es mit einer Raupe?“ fragte Ann schließlich. Ohne zu zögern rief ich: „Schmetterling!“ So entstand Die kleine Raupe Nimmersatt.

Dieser Austausch zwischen Ann und mir charakterisiert die Art und Weise unserer Zusammenarbeit. Keiner von uns hat jemals dem anderen seinen Willen aufgezwungen. Feste Überzeugungen, ja. Machtkämpfe jedoch niemals. Viele Autoren sprechen teilweise scherzhaft, aber auch mit Schmerz über die Ablehnungen ihrer Vorschläge. Ich habe von Ann nie eine Zurückweisung erhalten. Nicht alle meiner Ideen waren genial, durch unseren Gedankenaustausch sind auch einige dieser Projekte still und leise gestorben. Das Sprechen über eine Idee und das Überdenken kann zu einem Kompromiss führen, aber ebenso kann es passieren, dass die Idee dadurch verwässert wird. Ann und ich gerieten nie in diese Falle. Wir verstärkten einander. Es stellte nie ein Problem dar, wenn es ein, zwei oder auch drei Jahre dauerte, bis eine Idee zum fertigen Buch reifte. Es schien niemals Eile geboten, um eine Deadline für das Herbst- oder  Frühjahrsprogramm einzuhalten. Heute weiß ich, dass Ann eine besondere Begabung hatte, ihre Autoren vor diesen alltäglichen Problemen zu schützen. Dafür erhält Ann einen großen Farbklecks auf meiner Leinwand.

Als Ann meinen Verlag Philomel verließ und Patricia Gauch übernahm, war ich beunruhigt. Würde ich in der Lage sein, mit dieser neuen, mir unbekannten Lektorin zu arbeiten? Aber natürlich lernte ich, Pat zu akzeptieren und mit ihr vertrauensvoll zu arbeiten. Eric Carles großes Tierbilderbuch, eine Idee von Pat, eröffnete mir neue Möglichkeiten, mein volles Potenzial als Illustrator zu entfalten. Danke, Pat.

20 Jahre zuvor erschien Das Pfannkuchenbuch, das jedoch ein oder zwei Jahre später vergriffen war. Einer meiner Verleger wünschte sich, dieses Buch neu aufzulegen. Als ich feststellte, dass einige der Originale beschädigt oder verloren waren, entschied ich mich, die Illustrationen neu zu machen. Mit dem Ergebnis, dass die Bilder durch die verbesserten Reproduktionsmethoden viel schöner wurden. Als ich mich wieder an die Bilder setzte, konnte ich nachvollziehen und beobachten, wie die Idee entstanden war und wie sie sich schließlich im Buch entfaltete. Ich versuche, diesen Prozess mit Ihnen zu teilen. Die Idee zu diesem Buch hat zwei Quellen.

Bevor ich über die erste Quelle berichte, lassen Sie mich erklären, dass ich mich manchmal wie ein Mann fühle, der mit einem Bein im Mittelalter lebt und mit dem anderen im Nuklearzeitalter. Dies könnte auch eine Erklärung für meine Liebe zu Bruegel und Klee sein. Brueghel, der Maler des robusten Bäuerlichen, mit Reetdächern und Landleben. Und Klee, der Betrachter unserer Zeit. Das Pfannkuchenbuch war für mich keine nostalgische Reise in eine frühere Zeit. Es ist durch meine Erinnerungen an Kindheitserlebnisse entstanden.

Einige meiner Sommerferien verbrachte ich in einem kleinen Dorf in Süddeutschland, das noch unberührt von der modernen Zeit schien – ein Platz wie im Mittelalter. Dieses Dorf mit vielleicht einem Dutzend Bauern und ihren Familien, Häusern, Scheunen und Ställen, umgeben von Feldern, war zu arm für eine eigene Kirche. Die Bauern bauten jedoch gemeinsam eine Molkerei und stellten einen Angestellten zur Käseherstellung ein. Am frühen Morgen und dann noch einmal nach Sonnenuntergang trugen die Dorfbewohner die noch lauwarme Milch zur Molkerei. Das einzige moderne Ereignis im dörflichen Leben war die wöchentliche Ankunft eines Lastwagens. Der Fahrer bezahlte den Käser und verließ das Dorf mit einer Fuhre großer Schweizer Käseräder. Das war eine aufregende Zeit in meiner Kindheit.

Ich wohnte bei einer Freundin meiner Großmutter, einer sechzigjährigen unverheirateten Frau, und ihrem Vater, einem neunzigjährigen Witwer. Ich schlief in der Nähe des alten Mannes, der furchtbar schnarchte, in einem riesigen Bett. Ich kann noch immer hören, wie er mitten in der Nacht aufstand, seinen Nachttopf holte und geräuschvoll hinein pinkelte.

Ich weiß nicht, ob der alte Mann mich groß wahrnahm, aber ich mochte seine ruppige Art. Er stand auf, bevor die Sonne aufging, warf sich eine Sense über die Schulter, steckte einen Schleifstein in seinen Gürtel und lief damit zum Nachbardorf. Dort angekommen, lehnte er seine Sense gegen die Kirche, ging hinein und betete. Danach ging er zu seinem kleinen Feld zwischen den Dörfern, um Gras für seine zwei Kühe zu mähen, anschließend stopfte er es in einen Sack. Der Alte und seine Tochter hielten in ihrem Gemüsegarten hinter dem Haus zwei Kühe, ein oder zwei Schweine, Hühner und einige Bienenstöcke.

Während der alte Mann auf dem Feld war, ging seine Tochter zum Waldrand, um dort wilde Blaubeeren zu pflücken. Sie wusch die Beeren und legte sie ordentlich in einen Korb. Danach fuhr sie mit ihrem Fahrrad über eine Stunde in die Stadt, um die Beeren für ein paar Pfennige anzubieten. Wenn sie zurückkam, pumpte sie Wasser vom Brunnen in die Küche und kochte starken Kaffee aus gerösteter Gerste und servierte ihn mit warmer Milch, dunklem Brot und selbstgemachter Stachelbeermarmelade. Bevor wir aßen, tippte sie ihre Finger in einen schmalen Behälter mit Weihwasser, bekreuzigte sich und segnete uns. Ich erinnere mich daran, dass sie ihren Vater in der dritten Person ansprach. Zum Beispiel: „Möchte Vater jetzt seine Milch?“ Das klang für mich sehr seltsam.

Ich wuchs als nicht gläubiger Protestant auf. In diesem hundertprozentig katholischen Dorf lernte ich zum ersten Mal einen tiefen Glauben kennen. Mir wurde gesagt, dass ich nicht zur Kirche gehen müsse. Aber ich liebte diese Kirche mit ihren dicken Wänden, den lateinischen Stimmen, die unter der gewölbten Decke anschwollen, die kunstvollen Roben des Priesters und der Ministranten, den berauschenden Geruch von Weihrauch, der die Gläubigen umwob, und die Heiligen, geschnitzt aus Holz, bemalt mit Gold und Farbschattierungen in blau, pink und braun, die schmunzelnd auf uns herabblickten.

Neben uns wohnte ein reicher Bauer, er hatte über dreißig Kühe. Am Abend wurden diese Kühe von ihrem Stall zu einer saftigen Weide geleitet. Eines der Kinder des Bauern, ein sehr hübsches Mädchen in meinem Alter, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, trieb die Tiere, damit sie nicht die angrenzenden Felder zertrampelten. Ich schloss mich diesem Cowgirl als ihr Cowboy an und fühlte mich dabei sehr glücklich. Als ich im nächsten Jahr in das kleine Dorf kam und ihr beim Treiben der Kühe helfen wollte, erklärten mir meine Gastgeber, dass ich das nicht durfte – aus einem einfachen Grund: Ich war ein Protestant, und sie war katholisch. Wie konnte ein Glaube auf der einen Seite so inspirierend und auf der anderen Seite so grausam sein?

Die andere Inspiration zum Pfannkuchenbuch liegt ebenfalls in meiner Kindheit begründet – die Erfahrung stammt aber eher aus der modernen Zeit. Während des Krieges, als mein Vater weg war und meine Mutter in der Fabrik arbeitete, sagte sie eines Tages zu mir: „Mach dir selbst einen Pfannkuchen, wenn du von der Schule nach Hause kommst.“ Sie erklärte mir, wie man ihn backt: „Nimm Eier, etwas Milch, Butter ...“

Diese Erfahrungen flossen in Das Pfannkuchenbuch ein. Nichts von dem alten Mann, der Kirche und meinem reizenden Cowgirl sind in dem Buch enthalten. (Diese Geschichten könnten ein oder zwei andere Bücher füllen.) In diesen Ferien lernte ich, dass Pfannkuchen nicht schon als Fertiggericht im Laden verkauft werden. Aber am meisten hoffe ich, dass ich die Essenz eines vergangenen Lebens aufgenommen habe, an dem ich glücklicherweise Anteil hatte. So werden die Erfahrungen aus der äußeren Umgebung zu Gefühlen, die tief aus dem Inneren kommen.

Zu vielen Religionen gehört die Vorstellung von einem glücklichen Leben nach dem Tod im Himmel oder von Feuer und Schwefel in der Hölle. Ich vermute, dass der Glaube an Himmel und Hölle auf Erinnerungen an unsere frühe Kindheit basiert oder auf den Erfahrungen als Ungeborene. Ich denke eher, dass die meisten frühkindlichen Erfahrungen positiv sind: die Liebe der Mutter, ein Gefühl der Geborgenheit und Wärme.

Andrés Segovia, ein spanischer Gitarrist, erzählte uns, dass sein Großvater ihn als kleinen Jungen auf seinen Schoß setzte und ihm und auf einer imaginären Gitarre vorspielte, weil er zu arm war, um eine reale zu besitzen. Andrés Segovia wurde, wie wir wissen, ein musikalisches Genie.

Als Kind versuchte Henry Moore, eine heilende Salbe gegen die Arthritis seiner Mutter herzustellen. Henry Moore begann, wunderbare Skulpturen zu schaffen.

Maurice Sendak spricht von seiner Großmutter, auf deren Schoß er saß und mit der er Fensterrollos öffnete und wieder schloss, um die Außenwelt hereinzulassen. In seinen großartigen Büchern und Bühnenbildern wurden die Rollos seiner Kindheit zu Theatervorhängen.

Beethovens Vater kam betrunken nach Hause, boxte gegen das Ohr des kleinen Ludwig und schrie: „Warum spielst du nicht wie Mozart?“ Zum Glück hatte Ludwig noch einen liebevollen Großvater. Beethovens Musik besitzt beides: Aufsässigkeit und Anmut. Viele verschiedene Farbkleckse formen und prägen ein kleines Kind. Davon sind einige ausgeprägter als andere.

Nach seiner eintönigen Arbeit als Büroangestellter und an den Wochenenden nahm mich mein Vater mit zu langen und ausgedehnten Spaziergängen durch die Wälder und Wiesen. Er drehte Steine um und zeigte mir die kleinen Tierchen, die darunter wuselten. Er erklärte mir, dass die Ameisenkönigin nach ihrem Jungfernflug ihre Flügel abwirft, weil sie dann eine neue Kolonie gründet und die Flügel nicht mehr braucht. Er sagte mir, dass Forellen immer flussaufwärts schwimmen. Er bückte sich und zeigte mir das Gewölle einer Eule mit kleinen Knochen darin. Er zeigte mir, wie leicht es ist, in der Morgenfrische eine noch träge Eidechse zu fangen, bevor die ersten Sonnenstrahlen sie in ein flinkes Tier verwandeln, das schnell in einer Felsspalte verschwindet. Zusammen schienten wir den Flügel eines verwundeten Vogels. Wenn wir Salamander oder Marienkäfer mit nach Hause brachten, war das immer nur für eine kurze Zeit. Schnell brachten wir unsere kleinen Freunde in ihre natürliche Umgebung zurück. Mein Vater wusste, wo Füchse, Dachse und Hasen ihre Gruben bauen. Er erklärte mir, wonach die Römerstraße benannt war. Vor Hunderten von Jahren wurde unsere Region von Römern eingenommen, und unter dem neuen Pflaster waren immer noch die Reste dieser frühen Straßenbauer. Mein Vater zeigte mir auch ein Herz mit den Initialen von ihm und meiner Mutter, das er vor vielen Jahren in die Rinde einer Eiche mitten im Wald eingeritzt hatte.

Als ich zehn Jahre alt war, brach der Zweite Weltkrieg aus, und mein Vater wurde einer der gesichtslosen Soldaten des Krieges, der über Europa hinwegfegte. Als er nach dem Krieg aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, nur noch 80 Pfund schwer, ein gesichtsloser Überlebender der großen Katastrophe, war ich achtzehn Jahre alt. Ich vermisste ihn all die Jahre, aber als er schließlich zurückkehrte, war ich ein Kunststudent, nicht mehr interessiert an Wald und Wiese.

Einige dieser Farbkleckse sind die meines Vaters, einige davon meine. Zusammen sind sie eine Hommage an diesen sanftmütigen und interessanten Mann, der gern ein Künstler geworden wäre, den der Vater jedoch nicht ließ.

Im Gymnasium unterrichtete Herr Krauss Kunsterziehung. Als junger Mann gehörte er einer sozialistischen Jugendbewegung an, er war ein Verehrer des deutschen Expressionismus. Sowohl der Sozialismus als auch der Expressionismus wurden verachtet, als Hitler an die Macht kam. Viele Sozialisten kamen ins Konzentrationslager Dachau. Der Expressionismus wurde als „entartete Kunst“ degradiert, die Künstler dieser Bewegung erhielten Malverbot, und es war verboten, ihre Bilder zu zeigen.

Herr Krauss hing an seiner Arbeit als Kunstlehrer. Aufgrund seiner jugendlichen „Sünden“ wurde er nicht befördert, und er war instruiert, sich bedeckt zu halten. Ein Kompromiss, den er scheinbar akzeptierte. Ich sehe Herrn Krauss noch vor mir, vorn im Kunstraum. Er war ein Kettenraucher und hatte immer Asche auf seinem Anzug. In seiner nikotingelben Hand hielt er die Hausarbeiten der letzten Woche und sagte: „Hans Schmidt, gute Komposition, schöne Farben, wunderschön gezeichnete Bäume, aber da ich sehen kann, dass Carle für dich gezeichnet hat, bekommst du die Note sechs.“ So ging es mit verschiedenen anderen Hausarbeiten. Sogar, wenn ich versuchte, einen individuellen Stil für meine Klassenkameraden zu kreieren, Herr Kraus entlarvte mich immer. Ich hasste die Schule. Ich hasste Mathematik und Latein. Und ich war ein schwacher Schüler. Hans Schmidt war in beiden Fächern gut, so glichen wir unsere unterschiedlichen Begabungen einfach aus. Ich schäme mich noch heute dafür, mein Zeichentalent für eine Bratwurst aus der Metzgerei des Vaters meines Klassenkameraden Paul verkauft zu haben. Letztes Jahr traf ich meinen alten Freund Dr. Paul Katz nach langer Zeit, und wir lachten über den Bratwurst-für-Kunst-Tausch.

Eines Tages lud mich Herr Krauss ein, ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Dort zeigte er mir Reproduktionen von Werken „entarteter Kunst“, die von sogenannten degenerierten Künstlern stammten. Er erzählte mir, dass er die Unbefangenheit und das Skizzenhafte meiner Arbeiten mochte. Er bedauerte, dass er verpflichtet war, uns Naturalismus und Gegenständlichkeit zu lehren. „Schau dir diese Bilder an,“ sagte er, „das Skizzenhafte und die Qualität der Ausführung.“ Dann packte er die verbotenen Bilder wieder ein und schärfte mir ein, niemandem zu erzählen, was ich gesehen hatte. Für dieses Vertrauen und dafür, dass mir Herr Krauss die Augen für die Schönheiten des Expressionismus öffnete, verleihe ich ihm zwei Farbtupfer auf der Leinwand.

Die meisten meiner Bücher sind Collagen. Die Collagentechnik ist nichts Neues, ich habe sie nicht erfunden. Sie wurde von Picasso, von Kindergartenkindern und vielen anderen angewendet. In Brauner Bär, wen siehst denn du?, meinem ersten Kinderbuch, verwendete ich einfache Seidenpapiere in 40 verschiedenen Farben.

Nach diesem Buch entschied ich mich, diesen Nuancen mehr Farbe und Struktur zu geben. So begann ich, die Seidenpapiere mit allen möglichen Pinseln und Fingerfarben die Seidenpapiere zu bemalen. Dann fand ich heraus, dass diese handelsüblichen gefärbten Papiere in der Sonne ausbleichen. Nun malte ich auf einfarbige weiße Seidenpapiere. Diese von mir präparierten Papiere wurden meine Farbskala. Langsam wurde mir bewusst, dass ich fast besessen davon war, immer kräftigere und buntere Farben zu verwenden. Ich fürchte, dass ich immer noch versuche, die farbigen Blätter meiner Vorschultage zu rekonstruieren, um die Dunkelheit und das Graue der ersten Schule auszulöschen.

Wenn es ein Rezept dafür gäbe, wie man ein Bilderbuch entwickelt und gestaltet, es würde in etwa so lauten: Nehmen Sie 32 Seiten (die meisten Bilderbücher haben 32 Seiten) und begrenzen die Geschichte auf diese Vorgabe. Diese Limitierungen sind technischer Natur und helfen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende zu finden – denn kreative Möglichkeiten sind endlos.

Hier sind die Zutaten für einige meiner Bücher: In der kleinen Raupe Nimmersatt begann ich versehentlich, spielerisch mit einem Loch. Die Löcher waren also vorgegeben. Nun war es erforderlich, sich die Raupe auszudenken.

In Die kleine Spinne spinnt und schweigt war die Spinne festgelegt. Alles, was ich benötigte, war das wachsende Netz.

Im kleinen Käfer Immerfrech wollte ich mit der Größe der einzelnen Seiten spielen. Alles, was ich darüber hinaus noch brauchte, war eine interessante Geschichte.

Zu diesen Zutaten kommt noch folgendes: die Liebe zu Tieren, zu großen wie zu kleinen, und eine Wertschätzung der Natur. Die Liebe des Vaters und seinen Sinn für vorhandenes Wissen. Das, was ich von Herrn Krauss lernte. Man vergisst den Lehrer, der mit dem Bambusstock Macht ausübte. Nach langem Nachdenken begegnet man ihm und verändert und verwandelt diesen negativen Einfluss. Man unterhält, lehrt und stellt infrage. Man berücksichtigt seine Neigungen und Abneigungen, die eigene Weltsicht und die eigenen Gefühle. Und findet schließlich einen Lektor, der behutsam anspornt.

Wie ein Musiker entscheidet man sich als Maler für ein Format: Soll es eine Symphonie werden, Kammermusik oder ein Solo? Sollte die Musik steigen und fallen, fließen und mit einem Crescendo zu Ende gehen? Dann hofft man auf ein Echo. Vergessen Sie meine gemischten Metaphern. Ich vermenge nicht nur Farbkleckse und Essen, sondern mische auch Musik hinein. Aber warum nicht?

Vielleicht hat mein Onkel August die Antwort auf die Frage, woher die Ideen stammen. Mein Onkel August war ein Sonntagsmaler. Diese Maler arbeiten normalerweise während der Woche als Postbeamte, Versicherungsagenten oder Investmentbanker und malen ausschließlich am Sonntag. Mein Onkel August malte auch an diesem Tag, hatte jedoch während der Woche keine reguläre Arbeit.

Am Montag aber wollte meine Tante Mina seine Zeichnungen verkaufen. Der Rest der Woche mündete in Prasserei, in Essen und Trinken – hauptsächlich Trinken – bis Freitag, dann war Zeit für die Ausnüchterung. Am Samstag legte Onkel August seine Farben, Pinsel und Leinwände bereit, um am Sonntag zu malen.

Onkel August war auch ein wunderbarer Geschichtenerzähler. An einigen Wochenenden war ich bei Onkel August und Tante Mina eingeladen – das waren glückliche und unbekümmerte Tage. Wenn ich bei ihnen ankam – sie wohnten in einem alten Fachwerkhaus im ältesten Viertel der Stadt – schlich ich in Onkel Augusts Atelier, ein kleines unbenutztes Schlafzimmer, wartete auf den richtigen Moment und sagte: „Onkel August, erzähl mir eine Geschichte.“ Über seine Brillengläser hinweg sah er mich forschend an und sagte: „Aber zuerst musst du meine Denkmaschine ankurbeln.“ Und so näherte ich, wie schon unzählige Male zuvor, meine Hand seiner Schläfe und begann, an einem unsichtbaren Hebel zu drehen. Mein Onkel machte schwirrende Geräusche dazu. Nach einer Weile schrie er: „Halt! Ich habe eine Geschichte für dich.“ Ich mochte die Antwort meines Onkels, dass die Geschichten aus der Denkmaschine stammen. Alles, was man zu tun hat, ist, diese Maschine anzukurbeln. Einen Farbklecks für meinen Onkel August, den Sonntagsmaler.


Eric Carle

Vortrag in der Library of Congress, Washington, D.C.