Bunte Farbkleckse in meinem Leben

Menschen, die mich auf meinem Weg als Bilderbuchkünstler inspirierten und ermutigten

Woher kommen die Ideen? Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird. Willem de Kooning, der bedeutende Action-Painter, sagte Folgendes über seine Arbeit: „Ich beginne einfach mit einem Klecks roter Farbe in der oberen Ecke der Leinwand, und das sieht gut aus. Dann füge ich etwas Grün hinzu, und es sieht weniger gut aus. Also gebe ich einen Klecks Blau in die Mitte. Danach sieht es wiederum gut aus.“ Ich möchte Ihnen nun einige meiner Farbkleckse zeigen. Ein Klecks Rot hier, etwas Grün da. Am Ende sollten diese Farbkleckse ineinanderfließen und das Bild formen und gestalten.

Viele verschiedene Farbkleckse formen und prägen auch ein kleines Kind. Mein Vater nahm mich mit zu langen Spaziergängen durch die Wälder und Wiesen. Er drehte Steine um und zeigte mir die kleinen Tierchen, die darunter wuselten. Zusammen schienten wir den Flügel eines verwundeten Vogels. Einige der Farbkleckse auf meinen Bildern sind die meines Vaters, einige davon meine. Zusammen sind sie eine Hommage an diesen sanftmütigen und interessanten Mann, der gern ein Künstler geworden wäre.

Ich wurde in Syracuse, im Staat New York, als Kind deutscher Einwanderer geboren. Ich erinnere mich an die dortige Vorschule. Es war ein großer, sonniger Raum mit großen Bogen Papier, bunten Farben und dicken Pinseln. Ich erinnere mich daran, wie ich dort als glücklicher kleiner Junge zur Schule ging. Als ich sechs Jahre alt war, kehrten meine Eltern nach Deutschland zurück, wo ich die nächsten 17 Jahre verbringen sollte. Auch dieser Schulbeginn ist mir unvergesslich. Ich erinnere mich an einen dunklen Raum und an einen gemeinen Lehrer, der mich in eine altehrwürdige Tradition einwies: die körperliche Züchtigung mit einem Bambusstock. Eine Strafe, die ich nie vergaß und die meinen Enthusiasmus für das Lernen die nächsten zehn Jahre dämpfte, so lange, bis ich schließlich an die Kunstakademie ging. Maler, Musiker und Schriftsteller schaffen vornehmlich für sich selbst. An erster Stelle sind meine Bücher und meine Ideen dazu da, mich zu erfreuen. Könnte es also sein, dass meine lustigen Raupen, Marienkäfer, Hähne und Spinnen entstanden sind, um Farbkleckse, die negative Erinnerungen wecken, zu übertünchen? Bin ich immer noch auf der Suche nach jener Lehrerin in Syracuse, die meine Mutter bat, in die Schule zu kommen, um ihr zu sagen, dass ihr Sohn nicht nur große Freude am Malen und Zeichnen habe, sondern auch Talent besäße, das ermutigt und gefördert werden sollte? Meine Lehrerin in Syracuse ist eine Farbe auf meiner persönlichen Leinwand.

Mein Onkel August war ein Sonntagsmaler und ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Wenn ich bei ihm ankam, schlich ich in sein Atelier und sagte: „Onkel August, erzähl mir eine Geschichte.“ Über seine Brillengläser hinweg sah er mich forschend an und sagte: „Aber zuerst musst du meine Denkmaschine ankurbeln.“ Und so näherte ich, wie schon unzählige Male zuvor, meine Hand seiner Schläfe und begann, an einem unsichtbaren Hebel zu drehen. Mein Onkel machte schwirrende Geräusche dazu. Nach einer Weile schrie er: „Halt! Ich habe eine Geschichte für dich.“ Ich mochte die Antwort meines Onkels, dass die Geschichten aus der Denkmaschine stammen. Alles, was man zu tun hat, ist, diese Maschine anzukurbeln. Einen Farbklecks für meinen Onkel August, den Sonntagsmaler.

Im Gymnasium unterrichtete Herr Krauss Kunsterziehung. Als junger Mann gehörte er einer sozialistischen Jugendbewegung an, er war ein Verehrer des deutschen Expressionismus. Eines Tages lud mich Herr Krauss ein, ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Dort zeigte er mir Reproduktionen von Werken sogenannter „entarteter Kunst“. Er erzählte mir, dass er die Unbefangenheit und das Skizzenhafte meiner Arbeiten mochte. „Schau dir diese Bilder an,“ sagte er, „das Skizzenhafte und die Qualität der Ausführung.“ Dann packte er die verbotenen Bilder wieder ein und schärfte mir ein, niemanden zu erzählen, was ich gesehen hatte. Für dieses Vertrauen und dafür, dass mir Herr Krauss die Augen für die Schönheiten des Expressionismus öffnete, verleihe ich ihm zwei Farbtupfer auf der Leinwand.

Jahre später, als Bill Martin junior mich bat, Brauner Bär, wen siehst denn du? zu illustrieren, kamen mir – als ich diese großen und farbenfrohen Tiere entwarf – meine glücklichen Vorschultage in Syracuse wieder in den Sinn. Dafür gebührt Bill Martin Junior ein großer Farbklecks auf meiner persönlichen Leinwand.

Das Malen wurde mir durch die Ezra Jack Keats Foundation ermöglicht. Ich arbeitete viele Jahre als Art Director in der Werbung, als ich mich dazu entschloss, meinen Job in der Agentur aufzugeben, um als freiberuflicher Grafiker und Illustrator zu arbeiten. Ein Freund von mir stellte mich dem mit der Caldecott Medal ausgezeichneten Ezra Jack Keats vor. Die Arbeit an Brauner Bär und an 1,2,3 ein Zug zum Zoo machte mir Spaß und erfüllte mich, ich zweifelte jedoch, ob ich mit dieser Arbeit auch meine monatlichen Rechnungen bezahlen könnte. Ezra beruhigte mich in dieser Hinsicht. Er zeigte mir sein Atelier, seine Bücher, seine Fanpost, und er erklärte mir, wie er sein marmoriertes Papier herstellt. Er zeigte mir Verträge, erklärte mir alles über Vorschusszahlungen und Abgaben an den Autor. Ezra ist ein leuchtender Farbpunkt auf meiner Leinwand.

Eines Tages stanzte ich Löcher in ein Papier. Als ich durch sie hindurchblickte, dachte ich an einen Bücherwurm. Aus dem Wurm wurde jedoch noch keine richtige Buchidee. Also verwandelte ich den Bücherwurm in einen grünen Wurm. Als ich diesen hungrigen grünen Wurm meiner Lektorin Ann Beneduce vorstellte, kam heraus, dass sie zwar das Konzept, nicht aber den Wurm mochte. Wir überlegten hin und her und suchten nach anderen Tieren, die geeigneter wären. „Wie wäre es mit einer Raupe?“ fragte Ann schließlich. Ohne zu zögern rief ich: „Schmetterling!“ So entstand Die kleine Raupe Nimmersatt. Dieser Austausch zwischen Ann und mir charakterisiert die Art und Weise unserer Zusammenarbeit. Dafür erhält Ann einen großen Farbklecks auf meiner Leinwand.


Eric Carle